Mai 2026 – KW 21

PASSAGE
Impulse zu Kultur | Raum | Öffentlichkeit
Herausgegeben von artando & formixx
Editor: Hans-J. Schwarzer, editor@passagemag.com
© 2026
passagemag.com
Gern informieren wir Sie über das Erscheinen der nächsten Ausgabe:
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PASSAGE versteht sich als ein Raum für Beobachtungen zu Kultur, Raum und Öffentlichkeit. Der Titel erinnert an die „Passagen“, die Walter Benjamin und Franz Hessel als Orte der Wahrnehmung und des kulturellen Austauschs beschrieben haben.
Ins Auge gestochen
Neulich in einer Galerie in Süddeutschland:
Eröffnung eines ehemaligen medizinischen Professors, der neuerdings als Kü-Kü-Künstler — die Formulierung sei frei nach Alfred Kerr erlaubt —unterwegs ist. Große Formate, schwere Farbigkeit, dazu die übliche Vernissagenmischung aus Weißwein, Betroffenheit und bedeutungsvoll verlangsamter Sprache. Der Künstler erläutert seine Arbeiten mit der Autorität eines Menschen, der jahrzehntelang gewohnt war, dass niemand widerspricht.
Interessant ist weniger die Malerei selbst als der dahinterstehende soziale Typus.
Unser moderner Kü-Kü-Künstler etwa entdeckt die Kunst häufig erst nach vollständig abgeschlossener Berufs- und Statuskarriere. Kunst dient dabei weniger als existenzielle Formsuche denn als kulturelle Anschlussverwendung eines weiterhin hochaktiven Geltungsbedürfnisses.
Problematisch wird das dort, wo diese Figuren beginnen, kulturelle Räume dauerhaft zu besetzen: Kunstvereine, Gruppenausstellungen, kommunale Galerien, Eröffnungsreden, lokale Feuilletons.
Denn sie verfügen über genau jene Eigenschaften, die im heutigen Kulturbetrieb oft wirksamer geworden sind als künstlerische Qualität: Zeit, soziale Penetranz, Netzwerkpflege und völlige Selbstgewissheit.
Der ernsthafte Künstler arbeitet meist leiser — und verliert nicht selten gegen die penetrante Daueranwesenheit jener Figuren, die kulturelle Präsenz längst mit künstlerischer Bedeutung verwechseln.
Nicht nur die Provinz kennt diesen Typus bestens.
Er spricht auffallend oft von „Prozessen“, Impressionen und Spontanität, trägt Leinen und möchte nicht einfach malen.
Er möchte kulturell geliebt werden.
Und bemerkt nicht, wie unerträglich seine permanente Performance inzwischen geworden ist.
Das langsame Verschwinden der Schaufensterkultur
Mit dem Verschwinden vieler Schaufenster verschwindet nicht nur Einzelhandel, sondern eine ganze Form städtischer Öffentlichkeit.
Denn Schaufenster waren über lange Zeit weit mehr als Verkaufsflächen. Sie waren Bühnen. Kleine urbane Inszenierungen. Orte der Projektion, manchmal sogar des Begehrens.
Man blieb stehen. Man schaute. Man diskutierte.
Man erinnerte sich an ein Kleid, ein Buch, eine Lampe, eine merkwürdige Figur hinter Glas.
Gute Schaufenster erzählten Geschichten.
Gerade kleine Boutiquen, Kaufhäuser oder inhabergeführte Geschäfte entwickelten früher oft erstaunliche Szenarien: Stoffe wurden gefaltet, Farben komponiert, Figuren positioniert, Licht gesetzt. Selbst einfache Waren erhielten dadurch eine gewisse Würde.
Heute dagegen scheint vielerorts jede Form visueller Dramaturgie zu verschwinden.
Kleider hängen sackartig an Ständern.
Dekoration wirkt beliebig.
Schaufenster erscheinen wie hastig bestückte Lagerflächen oder die physische Verlängerung eines Onlineshops.
Besonders irritierend ist dabei weniger der ökonomische Niedergang als der ästhetische Bedeutungsverlust.
Denn offenbar wissen viele Betreiber längst nicht mehr, wie man Dinge überhaupt inszeniert. Wie Stoff fällt. Wie Farben wirken. Wie Leere funktioniert. Wie ein Blick angezogen wird.
Die Fähigkeit zur visuellen Verdichtung scheint verloren zu gehen.
Vielleicht liegt das daran, dass das Schaufenster früher ein eigenständiges Medium war. Heute dagegen dominiert der Bildschirm. Aufmerksamkeit wird nicht mehr über räumliche Präsenz erzeugt, sondern über Scrollbewegungen, Rabattcodes und algorithmische Sichtbarkeit.
Der öffentliche Raum verliert dadurch erneut etwas:
jene kleinen Momente ungeplanter ästhetischer Erfahrung.
Früher konnte selbst ein unscheinbarer Laden in einer Nebenstraße plötzlich Atmosphäre erzeugen:
durch Licht, durch Stoffe, durch Komposition, durch Eigenart.
Heute dominieren oft neutrale Oberflächen und eine seltsame Angst vor Gestaltung.
Vielleicht hängt beides zusammen:
das Verschwinden der Schaufensterkultur und die allgemeine Verarmung vieler Innenstädte.
Denn Städte leben nicht nur von Funktion, sondern von visueller Spannung, Zufall und kleinen Szenen des öffentlichen Lebens.
Und vielleicht unterschätzt man bis heute, wie stark gute Schaufenster einmal zur kulturellen Temperatur einer Stadt beigetragen haben.
Der Zigarettenautomat als letzte Kunst am Bau
Vielleicht wird man irgendwann feststellen, dass mit dem Verschwinden der Zigaretten- und Kaugummiautomaten mehr verloren gegangen ist als ein Verkaufsmedium. Denn diese Kästen waren nie nur Infrastruktur.
Sie waren Teil der visuellen Dramaturgie der Straße.
Heute entstehen vielerorts Fassaden, die jede Form von Zufall aus dem Stadtraum entfernen: glatte Betonoberflächen, anthrazitfarbene Wärmedämmung, endlose Raster, Glasflächen, beruhigte Farbsysteme. Architektur erscheint zunehmend wie die materialisierte Version einer Verwaltungssoftware.
Und mitten darin hingen über Jahrzehnte diese seltsamen Objekte:
beleuchtete Kästen, farbige Logos, kleine mechanische Systeme,
Reste grafischer Kultur. Zigarettenautomaten, Kaugummiautomaten, Leuchtschilder, Telefonzellen — all diese Elemente erzeugten Reibung im öffentlichen Raum. Sie brachen Fassaden auf. Sie produzierten Farbe, Licht, Orientierung, manchmal sogar Atmosphäre.
Vielleicht waren sie die eigentliche Kunst am Bau der Bundesrepublik.
Nicht geplant von Kuratorien.
Nicht begleitet von Pressetexten.
Nicht legitimiert durch kulturpolitische Förderlogik.
Aber sie funktionierten.
Man traf sich „am Automaten“. Man wartete dort. Man sprach kurz miteinander.
Jugendliche lehnten nachts davor.
Das Licht fiel auf den Gehweg.
Jemand kaufte Zigaretten, jemand nur ein Feuerzeug, jemand Kaugummis.
Der Automat war ein Mikro-Ort sozialer Öffentlichkeit.
Heute verschwinden diese Objekte nahezu lautlos. Zurück bleiben Fassaden, die oft jede Form visueller Eigenart verloren haben. Die Stadt wird dadurch nicht ruhiger, sondern merkwürdig leblos.
Gerade in Gegenden, in denen Beton und standardisierte Investorenarchitektur dominieren, wirkten diese Automaten fast wie spontane Farbinterventionen:
Rot, Gelb, Blau, Typografie, Logos, Lichtflächen, Gebrauchsspuren.
Vielleicht lag ihre Qualität gerade darin, dass sie nicht Kunst sein wollten.
Sie waren einfach da.
Und möglicherweise erklärt genau das ihre eigentümliche Schönheit:
Sie gehörten nicht zur ästhetischen Selbstinszenierung der Stadt, sondern zu ihrem tatsächlichen Leben.
Heute ersetzt man solche Elemente häufig durch:
digitale Displays,
glatte Paketstationen,
unsichtbare Apps,
funktionale Oberflächen ohne soziale Temperatur.
Der öffentliche Raum verliert dadurch nicht nur Objekte, sondern Situationen.
Vielleicht müsste man deshalb beginnen, die Geschichte des Zigarettenautomaten endlich als Teil der Alltagsästhetik und urbanen Kulturgeschichte zu erzählen — bevor auch die letzten verschwunden sind.
Kim Gordon oder die letzte Coolness ohne Marketingabteilung
Es gibt Figuren, die älter werden — und dabei historisch wirken.
Und dann Kim Gordon.
Mit 73 wirkt sie gegenwärtiger als große Teile der Kulturproduktion, die sich in Podcasts, Panels, Selbstoptimierung und digitaler Selbstverwertung erschöpft. Sie erschien nie als sympathisch. Keine emotionale Dauerverfügbarkeit. Keine Coach-Sprache. Keine therapeutische Selbstinszenierung. Kein kalkulierter Vintage-Charme.
Dafür: Distanz, Geräusch, Haltung.
Ihre Musik funktionierte nie wie klassische Unterhaltung. Eher als urbane Oberfläche, unter der etwas arbeitet. Trockenheit. Spannung. Dissonanz. Präsenz.
In „BYE BYE“ ▶ das gebündelt:
„I don’t want your sympathy / I don’t need your time / I just want the noise“
Besonders stark wirkt die Arbeit im Performancebereich — etwa mit der Schlagzeugerin Madi Vogt ↗. Die Präsenz, die physische Kraft, die Nahtlosigkeit zwischen Musik und Performance.
Das ist kein Nebenaspekt. Das ist Kern der Ästhetik.
Und das passt zu Kim Gordons Selbstverständnis: kollektiv, offen, nicht um die Person herum gebaut.
Diese Formationen wirkten nie wie Bands im üblichen Sinn. Eher wie temporäre kulturelle Kollektive. Musiker, Künstler, Performer, Filmemacher, Theoretiker, Leute aus Galerien, Off-Spaces, kleinen Labels, Magazinen — alles ineinander übergegangen. Grenzen zwischen Kunst, Musik, Performance und Alltag durchlässig. Hier wurden keine Karrieren verwaltet. Hier wurde Kultur gelebt.
Gegenwartskultur ist oft vollständig professionalisiert: Content, Sichtbarkeit, Reichweite, Markenarchitekturen. Im Umfeld Gordons existiert noch etwas anderes: eine eigensinnige Form kultureller Existenz. Nicht glatt. Nicht massentauglich. Nicht wellnesskompatibel. Aber echt.
Das wirkt heute nicht nostalgisch. Sondern aktuell. Weil diese Szenen noch nicht vollständig von Plattformlogiken absorbiert waren. Man musste nicht permanent senden, reagieren, performen. Man konnte verschwinden, scheitern, experimentieren.
Die Geräusche tragen diese Haltung bis heute:
Großstadt, Beton, Galerielicht, Proberäume, Gespräche nachts um zwei, Zigarettenrauch, kaputte Verstärker, schwarze Kleidung, Kunsthochschule, New York.
Keine Folklore. Keine Nostalgieshow. Sondern Haltung.
Kim Gordon ist nie zur Legende erstarrt.
Sie bleibt Reibung.
Zu Musik und Kontexten
Guardian-Interview 2026: ↗
Sehen gegen den Parcours
Kim Gordon – „BYE BYE“: ▶
Aktuelle Ästhetik (Playlist): ▶
Sonic Youth – „Teen Age Riot“ live: ▶
Madi Vogt (Homepage): ↗
Kim Gordon + Jutta Koether im MoMA: ↗
https://www.amant.org/exhibitions/295-kim-gordon-count-your-chickens
https://collectionlambert.com/en/exposition/kim-gordon-3/
Das stille Regime der Ausstellungen – und wie man es bricht
In Ausstellungen gilt ein stilles Regime. Man liest alles. Man bewegt sich im Uhrzeigersinn. Man verweilt angemessen – nicht zu kurz, nicht zu lang. Man spricht nicht, man fragt nicht, man versteht, oder tut zumindest so. Einmal durch, dann weiter. Das ist kein Gesetz, aber es funktioniert wie eines.
Ich halte mich nicht daran. Ich gehe an den Bildunterschriften vorbei, nicht aus Ablehnung, sondern um mir einen eigenen Zugang zu bewahren. Ich bewege mich ohne Richtung, bleibe stehen, wo etwas passiert, gehe weiter, wenn nichts passiert. Manchmal sind es Sekunden, manchmal eine Stunde vor einem einzigen Bild. Und ja – ich verpasse dabei Dinge, auch solche, die als „wichtig“ gelten. Das ist in Ordnung. Denn eine Ausstellung ist kein Text, den man vollständig erfassen muss, sondern ein Raum, in dem sich etwas verschieben kann. Die entscheidende Frage ist nicht: Was habe ich gesehen? Sondern: Was hat sich verändert
Diese Etikette ist nicht zufällig entstanden. Mit der Öffnung der Kunst für ein breiteres Publikum – von den ersten öffentlichen Ausstellungen im 19. Jahrhundert bis zu Institutionen wie der Alten Nationalgalerie in Berlin – brauchte es Ordnung. Aus vielen Blicken wurde ein geregelter Blick, aus Bewegung ein Parcours. Der moderne Ausstellungsraum hat diese Logik perfektioniert: weiß, still, kontrolliert. Ein Raum, der vorgibt, neutral zu sein, und dabei sehr genau festlegt, wie man sich in ihm zu verhalten hat.
Hinzu kommt eine zweite Verschiebung: Deutung wird delegiert – an Kuratoren, an Kritik, an Institution. Man beginnt zu glauben, dass Bedeutung etwas ist, das man „richtig“ verstehen muss, dass es Antworten gibt und dass andere sie besser kennen. Das stimmt nur bedingt. Ein eigener Blick entsteht nicht durch Disziplin, sondern durch Risiko: durch das Zulassen von Lücken, durch das Verpassen, durch das Verweilen ohne Absicherung. Kuratorische Arbeit bleibt wichtig, aber sie ist ein Angebot, keine Gebrauchsanweisung.
Vielleicht beginnt Sehen genau dort, wo man sich erlaubt, nicht alles zu sehen – und trotzdem zu bleiben.
C/O Berlin × Botanischer Garten – Kooperation als Modell
Was passiert, wenn eine Fotoausstellung und ein Botanischer Garten zueinander finden? Beim C/O Berlin und dem Botanischen Garten Berlin entsteht genau das: eine Kooperation, die auf den ersten Blick unwahrscheinlich wirkt – und gerade deshalb funktioniert.
Graciela Iturbide – Eyes to Fly With – so heißt die aktuelle Ausstellung im C/O Berlin. Die erste große Retrospektive der mexikanischen Fotografin zeigt ikonische Serien und bisher unveröffentlichte Aufnahmen aus über fünf Jahrzehnten, die von der mexikanischen Kultur, weiblichen Identitäten und spirituellen Dimensionen des Alltags erzählen.
Die Galerie bringt Blick und Kontext, der Garten bringt Raum und lebendige Materie. Das eine ist Kultur im klassischen Sinne, das andere ein Wirtschaftsbetrieb mit wissenschaftlichem Auftrag. Und doch ergänzen sie sich auf eine Weise, die beide stärker macht.
Die interessantesten Kooperationen entstehen dort, wo zwei Welten scheinbar nichts miteinander zu tun haben – und dann plötzlich merken, dass sie dieselbe Sprache sprechen. Nur eben mit anderen Worten.
🔗 C/O Berlin – Graciela Iturbide | Botanischer Garten Berlin
Der Baum der Wunder – Xisui Design
Ein Spielplatz der nicht neu sein will. Das Shanghaier Büro Xisui Design – bekannt für seine organischen, parametrisch entworfenen Spiellandschaften – hat einen Baum entworfen, der 1000 alte Spielzeuge in sich trägt. Kein Wegwerfen, kein Ersetzen. Stattdessen: Einarbeiten, Bewahren, Verdichten.
Der Baum wird zur Zeitkapsel einer ganzen Kindheitsgeneration. Was einmal in Kinderhänden lag, findet hier eine neue Form – nicht als Nostalgie, sondern als gebaute Erinnerung.
Xisui zeigt damit, dass ein Spielplatz mehr sein kann als ein Ort zum Toben. Er kann ein Ort des Innehaltens sein.
Gelesen
Ulrich Raulff – Wie es euch gefällt. Eine Geschichte des Geschmacks
Der Geschmack gehört zu jenen kulturellen Phänomenen, von denen jeder spricht, ohne genau sagen zu können, worin sie eigentlich bestehen. Ulrich Raulff folgt dieser rätselhaften Kategorie durch mehrere Jahrhunderte europäischer Kulturgeschichte – von den Salons des 18. Jahrhunderts bis zu den ästhetischen Signalen der Gegenwart.
Sein Buch ist weniger eine Theorie des Schönen als ein gelehrter Spaziergang durch Moden, Vorlieben und Abneigungen. Geschmack erscheint dabei nicht als feste Regel, sondern als eine bewegliche kulturelle Praxis, in der sich persönliche Empfindung, gesellschaftliche Konvention und ökonomische Interessen überlagern.
Vielleicht liegt gerade darin seine Pointe:
Geschmack ist kein Urteil – sondern eine historische Bewegung.
Empfohlen besonders Gestaltern – und vielleicht auch jenen Kreativabteilungen, die derzeit Werbespots produzieren, in denen zwei Frauen beim Gymnastiktraining über Inkontinenzeinlagen sprechen müssen. Man fragt sich unwillkürlich, ob darin nicht auch etwas vom Geschmacksempfinden der Gestalter selbst sichtbar wird.
Sehr interessant ist ein Gespräch mit Raulff über Geschmack, Gegenschönheiten und ästhetische Grenzüberschreitungen.
Interview mit Ulrich Raulff über Geschmack
Darin beschreibt er Geschmack als etwas, von dem jeder glaubt, ihn zu besitzen, obwohl er schwer zu definieren ist.